Hans-Peter-Kuhnisch
Wer erschießt wen, wer flüchtet vor wem? Geht es nur darum, wegzukommen oder um das edle Ziel einer Exilregierung? Die Kommunisten einer spanischsprachigen Hafenstadt sind zerstritten. Der Bürgerkrieg ist verloren, Zwistigkeiten brechen aus, und da gibt es die „Bouwer”, ein Schiff, das morgen früh den Hafen verlässt. Es nimmt nur Kommunisten mit, aber wer ist das denn noch? Einige haben sich längst auf die andere Seite geschlagen. Wie Morasàn, jetzt Chef der politischen Polizei, also einer der „Hunde”, wie er selber meint. Ossorio, die Hauptfigur in „Für diese Nacht”, einem frühen Roman von Juan Carlos Onetti, der jetzt erstmals auf Deutsch zu lesen ist, hat es noch nicht so weit kommen lassen. Aber ist es besser, sich zwei Passagen auf der Bouwer zu sichern, und den, der sie vermittelt hat, an Morasàn zu verraten?
Glaubt man Onetti, dem neben Borges zweiten großen Paten einer international orientierten lateinamerikanischen Literatur, war der Anlass des Romans eine zufällige Begegnung. Im „Cafe Metro” in Buenos Aires traf Onetti zwei Emigranten, einen Italiener und einen Spanier, die ihm Geschichten aus Valencia, der letzten Stellung der republikanischen Truppen und internationalen Brigaden erzählten. Womit Onetti, der damals Redakteur der Kulturzeitschrift „Marche” war und nebenbei an einem surrealistischen, „byzantinischen” Roman schrieb, in die Welt zurück geholt wurde. Hatte er doch selber mit dem Gedanken gespielt, sich auf republikanischer Seite am Bürgerkrieg zu beteiligen. Im Vorwort zur ersten Auflage von „Für diese Nacht” merkt er an: 1942, als der Roman entstand, habe es „in vielen Teilen der Welt” Menschen gegeben, „die verschiedene Überzeugungen des Autors physisch verteidigten. An der Vorstellung zu kranken, dass nur sie ein wirklich bemerkenswertes Schicksal erfüllten, war erniedrigend und traurig. Dieses Buch ist aus dem - auf schäbige und risikolose Weise befriedigten - Drang geschrieben, an fremden Schmerzen, Ängsten und Heldentaten teilzuhaben. Es ist folglich ein zynischer Versuch der Befreiung.”
Die Aufdeckung dieser moralischen Zwiespältigkeit passt bestens zum Personal des Romans. Eine einzige Figur ist unschuldig: Die zwölfjährige Tochter des von Ossorio verratenen Barcala. Aber auch sie ist schon in die Geschehnisse verwickelt, war sie doch der Grund, dass Barcala Ossorio zwei Passagen für das Fluchtschiff vermittelte. Kurz nachdem Ossorio seinen Wohltäter verraten hat, bringt man Victoria zu ihm, er solle sich um sie kümmern. Ossorio kann nicht ablehnen, zieht mit dem Kind durch die Nacht, doch entwickelt er auch hier eine zwiespältige Haltung: „er sah sie an, als wollte er sich selbst sehen, seine Kindheit, was er gewesen war (…) mit abergläubischer Bewunderung für die kurze Reinheit auf dem menschlichen Antlitz, mit Bedauern über den unausweichlichen Dreck, den sie durchqueren und sich einverleiben musste.” Aber am liebsten würde er sie loswerden. Jeder, macht Onetti klar, hat das Potential, zum „Dreck” beizutragen. Am Ende lässt Ossorio das Mädchen alleine, was ihn nicht rettet.
Ursprünglich hieß der Roman, vor kurzem von Werner Schroeter unter dem Titel „Nuit de chien” verfilmt, „Auch für den Hund kommt der Tag”, ein von Yeats abgewandeltes Hamlet-Zitat, das auch für Morasàn zutrifft, wird er, der Vertreter der Macht, Folterer und Leichenschänder, doch am Ende abgesetzt und verfolgt. Noch wichtiger aber ist das generell politische Verständnis der Hunde-Metapher, die die Regierungsgewalt meint. Das war heikel: 1943 hatte sich in Argentinien gerade das Militär an die Macht geputscht. Onettis Verleger war vorsichtig.
Jahrzehnte später kam Onetti, inzwischen Leiter der städtischen Bibliotheken von Montevideo, selber ins Gefängnis, weil er einer juntakritischen Kurzgeschichte zu einem Preis verholfen hatte. Schon in seinem Werk sind Politik, Krimiplot und romantische Sinnsuche ineinander verzahnt. Das formal „Byzantinische” der Texte hat es naturgemäß schwerer, verstanden zu werden. Und so machen dieselben, die Onettis literarische Kompromisslosigkeit loben, ihm Vorwürfe, dass die Dramaturgie seiner Werke die erzählte Geschichte behindere. Dabei gehört die Dramaturgie zur Geschichte und von Behinderung kann nur sprechen, wer geometrisch außer geraden Linien nichts kennt.
Das gilt besonders in „Für diese Nacht”, wo die Story klar auszumachen ist. Vor dem Hintergrund geradezu klassischer Einheit der Zeit, die Geschichte spielt in einer einzigen Nacht, arbeitet Onetti, ein Bewunderer von Céline, Faulkner und Dos Passos' „Manhattan Transfer”, mit geschickten Verwerfungen des Ablaufs der Ereignisse. Ein auktorialer Erzähler liefert über Ossorio und Morasàn zwei Perspektiven mit ausführlichen Innenansichten - zeitlich verschoben. So wissen wir schon, dass Morasàns Leute den von Ossorio verratenen Barcala getötet haben, während Ossorio und Barcalas Tochter sich gerade aneinander gewöhnen - was die innere Spannung des Texts erhöht, das Schwanken der Figuren zwischen Gut und Böse sichtbar macht. Und noch beinahe jede Nebenfigur hat einen kleineren, inneren Monolog. Das erzeugt ein nach vielen Seiten offenes Vexierbild. Auch sprachlich ist Onetti erstaunlich. Die lapidare Erzählung ist ständig einfallsreich-anschaulich durchsetzt. Wenn etwa „das dicke, haarlose Gesicht” eines Verhörten beschrieben wird, „an dem die Wangen herabhingen wie Hundeohren”, wird man das nicht vergessen.
Je weiter man vordringt in diesem Roman, desto klarer wird, wie sehr der dezidiert hoffnungsferne Onetti Ossorio auch zum Gottsucher macht, was den Text ab und an auf die schmale, aber produktive Grenze zwischen Wahrheitswillen, Kitsch und Transzendenz führt, durchaus passsend zum pathetischen Halbweltmilieu des Romans.
In seinem biographischen Essay „Die Welt des Juan Carlos Onetti”, erzählt Mario Vargas Llosa von der Irritation, die ihn erfasste, als er Onetti, der 1994 im Madrider Exil starb, in den sechziger Jahren traf: einen schüchternen Intellektuellen, so gar „nicht von der Natur verwöhnt”. War das wirklich das geheimnisumwitterte, philosophische Genie, viermal verheiratet und Experte für Bordellszenen? Anfang der vierziger Jahre sah Onetti noch aus wie der lateinamerikanische Sartre. Als hätte er spät begriffen, was die Welt erwartete, legte er seine dicke Brille im hohen Alter ab, ließ sich als Achtzigjähriger einen Bart wachsen und im Bett rauchend filmen - eine Figur aus seinen Romanen.
An Vargas Llosas Buch überzeugt vor allem die These, dass Onettis Phantomstadt Santa Maria, in der seit „Für diese Nacht” beinahe alle Romane spielen, auch vor dem Hintergrund des Niedergangs des südamerikanischen Musterstaats Uruguay gesehen werden müsse. Zur verlässlichen Biographie taugt das Buch jedoch wenig. Mit Hinweis auf Onettis Selbstaussage haben viele die Handlung von „Für diese Nacht”, deren Ort nicht genauer bestimmt ist, nach Valenica verlegt. Vargas Llosa meint, ebenso selbstherrlich: falsch. Das Spanisch des Romans sei „argentinisch”. Richtig ist wohl, dass Onetti die genaue Lokalisation absichtlich verhindert hat, weil es in dieser düsteren Parabel einer Nacht nicht nur um Uruguay oder Argentinien geht, eher um die menschliche Existenz unter den Bedingungen totalitärer Politik auf der ganzen Welt.
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Eine Hafenstadt im Bürgerkrieg, die Sache ist entschieden, in dieser Nacht wird abgerechnet. Einem, der verloren hat, folgt Juan Carlos Onetti auf seiner Suche nach einem Schlupfloch. Noch während er darauf aus ist, die eigene Haut zu retten, sieht er sich genötigt, die Tochter eines früheren politischen Gefährten und jetzigen Widersachers vor dem sicheren Tod zu bewahren. Und ein anderer, der ihm auf den Fersen ist und sich als Sieger wähnt, muß erkennen, daß er das Spiel nicht bis zum letzten Zug durchschaut.
In seiner literarischen Auseinandersetzung mit dem Krieg wagt Onetti den Blick auf einen Menschen, der sich unausweichlich und wissentlich auf sein Ende zu bewegt, dem alle Fundamente von Überzeugung und Moral weggebrochen sind, dem jede Begegnung mit einstigen Weggefährten zu Farce oder Bluff gerät.
Für diese Nacht, Juan Carlos Onettis Roman aus dem Jahr 1943, ist bedrängend dicht in seiner Schilderung. Durch seine radikale Vorurteilsfreiheit und die mittlerweile berühmte sprachliche Präzision des Autors sowie die Nähe der Handlung zur Schwarzen Serie Hollywoods entfaltet der Roman einen außergewöhnlichen Sog.
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Juan Carlos Onetti Für diese Nacht. Roman. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 2009. 230 S. 22,80 Euro