"Diese Nacht": Anmerkungen zum Drehbuch

Gilles Taurand

Diese Nacht (Para esta noche, 1943) gilt zu Recht als einer der besten Romane des uruguayischen Schriftstellers Juan Carlos Onetti. Die Handlung erstreckt sich über eine Nacht - eine alptraumhafte Nacht, die einige der tragischsten Episoden der jüngsten Geschichte Lateinamerikas erahnen lässt. In einer belagerten Stadt versucht ein jeder verzweifelt, die eigene Haut zu retten.

Die große Kunst Onettis liegt darin, den Leser glauben zu lassen, dass ein unsichtbarer Feind die Stadt umzingelt, dem man noch entkommen könnte. Im Hafen wartet ein Ozeandampfer auf das Dämmern des Morgengrauens, um die Anker zu lichten. Bis der Leser schließlich versteht, dass die Stadt ebenso von innen belagert wird. Hinter jedem Gesicht scheint sich nun der Feind zu verbergen. Jede Figur wird zum potentiellen Mörder. Es gibt keine Verbündeten mehr, nur noch kurzlebige Interessengemeinschaften, die sich jederzeit in ihr Gegenteil verkehren können. Wenn derjenige, der dir die Hand reicht, im nächsten Moment ohne ersichtlichen Grund zum Verräter werden kann, herrscht die totale Paranoia. Diese Nacht ist eine außergewöhnlich düstere Erzählung über Paranoia in der Tradition Franz Kafkas. Man fühlt sich an Der Prozess, Das Schloss oder In der Strafkolonie erinnert, an jene Werke, denen es immer wieder gelingt, die schreckliche Logik des Absurden neu zu entwerfen.

Beim Lesen des Drehbuchs mag die Frage aufkommen, wo sich diese Stadt befindet und in welcher Zeit die Geschichte spielt. Bei Onetti ist Santamaria eine imaginäre Stadt, eine reines Konstrukt seiner Fantasie, das gleichwohl nichts Beliebiges oder Willkürliches an sich hat. Die universelle Tragweite der Erzählung liegt weniger in ihrem endzeithaften Dekor begründet, als in dem menschlichen Panorama, das sie entfaltet, und aus dem sie mit der Unerbittlichkeit einer griechischen Tragödie konstruiert ist. Deren Hauptfigur ist Ossorio Vignale. Warum er in der Falle sitzt in dieser Stadt, aus der er verzweifelt zu entfliehen versucht, erfährt man in Onettis Roman nicht.

Eine meiner ersten Entscheidungen ist es gewesen, ihm eine Vergangenheit zu erfinden. Ich habe aus ihm einen Chirurgen gemacht, der eines Tages angefangen hat, für eine Partei politisch aktiv zu werden, die, wie man schnell begreift, dem Militär entgegenstand, und nun dessen Rache fürchten muss. So hat Ossorio die Truppen des General Fragas in den Bergen des Nordens bekämpft. Er ist als "Kolonel Luis" zum quasi mythischen Helden geworden. Und doch ist es eine gebrochene Figur, die nach Santamaria zurückkehrt. Die Truppen Fragas belagern eine Stadt voller Flüchtlinge. Der letzte Ansturm steht unmittelbar bevor.

Warum kehrt er zurück? Um den Heldentod zu sterben? Onetti gibt darüber keinerlei Auskunft. Aus diesem Grunde habe ich eine weibliche Figur erfunden, die im Roman nicht vorkommt. Ich habe sie Clara Baldi genannt. Eine engagierte Journalistin, die einst Ossorios Geliebte war. Von Anfang an versteht man, dass sie ihn zu Hilfe gerufen hat. Sie hat einen "Plan", wie sie beide mit dem Fährschiff Bouver fliehen, das bei Sonnenaufgang ablegen soll.

Orpheus steigt also in die Unterwelt hinab, um seine Eurydike zu befreien. Doch Eurydike ist verschwunden. Wurde Clara Baldi entführt? Oder spielt sie mit Ossorios Nerven um seine Liebe auf die Probe zu stellen? Hat sie sich womöglich gar in die Arme eines anderen geworfen?

Die Figur der verschwundenen Frau ist sicherlich nicht neu im Kino. Antonio hat daraus ein Meisterwerk gemacht. Es ist ganz einfach so, dass der fehlende Teil eines Puzzles ein komplexes Spiegelspiel mit sich selbst ermöglicht. Eine der großen Herausforderungen dieses Projektes ist es gewesen, die Hauptfigur in eine Handlung zu integrieren, die, gleich einem Thriller, stets im Präsens erzählt wird und in keinem Augenblick an Intensität nachlässt; gleichzeitig aber hier und da fragmentarische Schichten der Vergangenheit Ossorios, Claras, Morasans, Barcalas und anderer freizulegen, ohne dass diese Fragmente je als Schlüssel zum psychologischen Verständnis der Figuren dienen könnten. Eine Nacht auf der Suche nach einer Wahrheit, die sich ständig entzieht.

Ansonsten findet man einen Großteil der Figuren und der Orte des Romans Onettis wieder. Besonders großartig scheinen mir all die Frauenfiguren, denen Ossorio begegnet: Resigniert fügen sie sich ihrem Los, außer Stande, den Lauf der Ereignisse zu verändern. Den Männern hingegen, von den man weiß, dass sie nichts so sehr fürchten wie Machtlosigkeit, bleibt nichts mehr anderes übrig, als sich in Allmachtsphantasien zu verlieren, die sie unausweichlich in ein Blutbad reißen werden.

Manche Begegnungen sind wesentlicher als andere. Der Roman von Onetti, das intime Universum Werner Schroeters, die kämpferische Willenskraft Paulo Brancos konvergieren derart, dass ich keinen Augenblick gezögert haben, mich dieser Adaption anzunehmen.